Aletsch Flohri
Wenn man mit dem Auto von Brig Richtung Goms fährt, kommt man nach Mörel an der Luftseilbahn-Station Bettmeralp vorbei. Viele Touristen aus nah und fern besuchen diesen schönen Ort und erholen sich da oben von Arbeit und Stress.
Eine der wirklich tollen Natur-Attraktionen dieser Gegend ist der grosse Aletsch-Gletscher. Weiss, eisig-kalt und von eindrücklicher Länge gerät man bei dessen Betrachten in ehrfürchtiges Staunen. Es ist ein grossartiges Schauspiel aus Eis, Schnee und Stille. Der grösste Wasserspeicher für alle Menschen dieser Region.
Kaum aus dem Staunen heraus kommt man, wenn man erfährt, dass es in diesem kalten und fast abweisenden Eis-Strom auch Leben gibt. Den Gletscher-Floh.
Er ist der Hauptdarsteller unserer Geschichte. Nennen wir ihn den Aletsch-Flohri.
Die Geschichte vom einsamen Aletsch Flohri
D's Aletsch-Flohri fühlte sich sehr alleine. Er war jung und voller Tatendrang, aber in dieser weissen Einöde war einfach nichts los. Ob das wohl immer so war? Oder gab es früher vielleicht einmal mehr Tiere und Leben in dieser Gegend? D's Flohri wurde Tag für Tag trauriger, mutloser und fühlte sich wirklich sehr einsam. In seiner Verzweiflung rief er einmal nachts nach allen Geistern, schimpfte und tobte und hielt es fast nicht mehr aus. Plötzlich, er war schon ganz erschöpft vom vielen Schreien, erschien ihm die Aletsch-Fee.
„Du hast mich gerufen, kleiner Floh und deine Verzweiflung tönte so echt, dass ich kommen musste, wo drückt dich denn der Schuh?" D's Aletsch-Flohri war so erschrocken, ob der Erscheinung der Fee, dass er sich zuerst einmal in einer Gletscher-Spalte verkrochen hatte. "Komm nur hervor ich tu dir nichts, im Gegenteil, wenn ich kann werde ich dir gerne helfen." D's Flohri guckte noch etwas misstrauisch aus seinem Versteck hervor, aber eigentlich sah die Fee gar nicht böse aus, also näherte er sich mutig. „Ja also", stotterte er, „ich bin so alleine hier und da habe ich mir überlegt, ob das wohl schon immer so war, oder ob früher vielleicht mehr los war hier." „Du möchtest in die Vergangenheit blicken?" „Ja, kann man denn das" fragte d's Flohri schüchtern. „Wenn du es dir ganz fest wünschst und ich noch ein bisschen nachhelfe, wäre das sicher zu schaffen", meinte die Aletsch-Fee.
„Was muss ich denn tun" fragte d's Flohri. „Setz dich hin, schliess die Augen und konzentriere dich ganz fest auf deinen Wunsch, denk daran, dass du dir nichts sehnlicher wünschest als in die Vergangenheit zu reisen, den Rest erledige ich dann schon." D's Flohri setzte sich hin, schloss die Augen und konzentrierte sich, aber nichts geschah. „Wie lange muss ich denn warten?" fragte er, die Augen noch fest zusammengekniffen. „Du musst schon etwas Geduld haben" antwortete die Fee.
Flohri wurde etwas müde, entspannte sich und lehnte zurück. Plötzlich hatte er das Gefühl, als beginne sich alles zu drehen, immer wilder rottierte alles um ihn herum und ein ängstliches Gefühl beschlich ihn. Auf einmal begann er zu schwitzen und er hörte ganz eigenartige laute Geräusche. Was war denn jetzt los, fragte er sich und getraute sich die Augen zu öffnen.
Die Sonne brannte heiss vom Himmel und um ihn herum war alles grün!
Aber oh Schreck, das Bettmerhorn war verschwunden und vor ihm breitete sich ein weites blaues Wasser aus, ein See oder sogar das Meer? Ob es wohl vor vielen Millionen Jahren am Aletsch-Gletscher so ausgesehen hatte? Plötzlich raschelte es neben ihm und eine hohe Stimme sagte: „Hallo, wen haben wir denn da, ein kleines Pünktchen, das sich bewegen kann, bist du etwas zum Essen oder bist du vielleicht sogar giftig, dich hab ich noch nie hier gesehen." D's Flohri antwortete vorsichtig: „Ich bin ein Floh und ich war noch nie hier in dieser Gegend. Wer bist denn du?" „Ich bin Gierit, die Schlange und wohne hauptsächlich im Wasser, wenn du willst kann ich dir zeigen wo ich zu Hause bin." Sie schaute ihn mit grossen Augen an und d's Flohri fand das lange elegante Wesen ganz nett. So war er jetzt auch nicht mehr allein, also willigte er ein. „Komm spring auf mich drauf dann geht's hinunter zum grossen Wasser." Flohri machte einen grossen Satz auf die Schlange hinauf und ab ging die Post. Lautlos schlängelte sich das schlanke, glänzende Wesen durch das Gras hinunter über Steine und Sand Richtung Wasser. Am Ufer angekommen erblickte d's Flohri riesige Gestalten, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Es wimmelte von Tieren mit langen Hälsen, Köpfen mit Hörnern drauf, dicke, dünne, grosse oder auch kleinere Wesen, aber alle waren sie im Vergleich zu ihm Riesen! Ängstlich fragte er Gierit: „Wann sind wir denn endlich in deinem Zuhause?" „Gerade sofort, wir tauchen bald unter." „Untertau...?...au.....au....blubb, blubb, blubb" d's Flohri hustete und prustete, soviel Wasser war ihm nun doch zuviel und mit einem Satz rettete er sich wieder zurück ans Ufer. Dort legte er sich auf den warmen Sand und versuchte seinen wild gewordenen Atem zu beruhigen. Was war das nur für eine Welt, so viel Fremdartiges hatte er noch nie gesehen und erlebt. Fast sehnte er sich ein bisschen nach seinem kalten, ruhigen Gletscher zurück. Er richtete seine Augen gegen den blauen Himmel und dachte daran, dass er sich das alles ja so gewünscht hatte.
Plötzlich fiel ein grosser dunkler Schatten auf sein Gesicht und instinktiv machte er einen schnellen Sprung zur Seite. Sein Herz klopfte wie wild und er sah wie ein riesiges Tier sich mit wiegendem Gang Richtung Wasser bewegte. „He du, pass doch ein bisschen auf wo du hintrittst" schimpfte Flohri, aber der grosse Bulle reagierte überhaupt nicht. Der hätte mich jetzt einfach flach gewalzt, dachte er und erkannte, dass diese Welt nicht für ihn geschaffen war.
Wieder einmal war d's Flohri traurig, er hatte zwar die Gesellschaft gefunden die er gesucht hatte, aber für seinen Geschmack eine viel zu wilde. Was nun? Flohri verliess das Ufer und kletterte auf einen Baum. Dort oben, so hoffte er war er etwas geschützt vor diesen grossen, unachtsamen Tieren. Im Schutze des Baumes wartete er bis es dunkel wurde. Nun setzte ein lautes Geschrei, Gepfeiffe und Gebrülle ein, Töne und Geräusche die er noch nie im Leben gehört hatte und die in ihm panikartige Gefühle auslösten. „Ich will wieder nach Hause" jammerte er mit erstickter Stimme. Mitten in diesem lauten und unheimlichen Lärm fühlte er sich plötzlich furchtbar einsam und allein gelassen.
Jemand aber hatte ihn gehört. Wie aus dem Nichts aufgetaucht stand plötzlich vor ihm die Aletsch-Fee: „Du hast mich gerufen, Flohri?" Zuerst erschrak er, als Flohri aber erkannte wer da vor ihm stand, fiel ihm ein riesiger Stein vom Herzen. „Du lieber Gott, bin ich froh dich zu sehen." „Ja was denn, gefällt es dir denn nicht hier, unter so vielen Tieren" fragte ihn die Fee. „Weist du liebe gute Fee, es sind viel zu viele, sie sind viel zu laut und machen mir Angst. Ausserdem wäre ich fast ertrunken und anschliessend wollte mich so ein Grosser noch zu Tode trampeln. Das ist wirklich zu viel Action an ein und demselben Tag für einen kleinen Floh. Und zudem ist es viel zu heiss für mich hier." D's Flohri hatte sich all seinen Kummer vom Herzen geredet und die Fee merkte, dass es ihm sehr ernst war damit. „Ja, wohin willst du denn nun kleiner Flohri, wieder zurück in die Einsamkeit oder vielleicht doch etwas Unterhaltung?" „Ja meinst du ich könnte nochmals einen Versuch wagen?" fragte der kleine Floh. „Doch ich glaube, ich kann dir schon noch eine Chance geben, ich verstehe ja deinen Herzenswunsch nach etwas mehr Gesellschaft" meinte die gute Fee.
„Och bin ich aber froh" sagte Flohri erleichtert und schloss schon ganz schnell seine Augen, er hatte genug von diesem Lärm, der Hitze und den Abenteuern hier. Aber es musste doch trotzdem möglich sein, dass auch er Freunde fürs Leben finden konnte. Schon wurde er müde und er dachte ganz fest daran, dass er sich etwas mehr Ruhe aber trotzdem tolle Gesellschaft wünschte.
Nun ging das Spiel von vorne los, alles drehte sich, es wurde wieder kalt, dann wieder warm und ihm wurde leicht schwindelig.......
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